die frage, ob ein roman autobiografisch sei, ist bei der geneigten leserinnenschaft weit verbreitet. sie spiegelt eine sicht auf texte wider, die unter umständen zu kurz greift:

in vielen fällen ist die kulisse eines romans konkret verortbar: städte, landschaften, räume können real existieren oder detailliert nachvollziehbar beschrieben werden. bei hermann burger etwa ist in schilten das schulhaus real,  bei erika burkarts moräne ist der kapf genau verortbar. ein jüngeres beispiel ist kim de l’horizons blutbuch: teile der kulisse – etwa ostermundigen bei bern – sind klar benennbar, die handlung jedoch folgt einer poetisch verdichteten, literarischen logik und ist nicht allein autobiografisch lesbar.

die autobiografische frage legt nahe, dass eine geschichte in einem 1:1-verhältnis zum leben der autor:innen stehen müsse. tatsächlich aber verfolgen literarische figuren eigene prinzipien: ein kind kann zugleich verspielt, kindlich und gleichzeitig hellsichtig oder weise sein; es wird so zum träger einer wahrnehmung oder eines prinzips, das über die realistische darstellung hinausgeht. solche figuren funktionieren nicht nur nach den regeln der psychologischen realität, sondern dringlicher nach denen der poetik.

im fall meines romans: „fantast!“ erlaubt die trennung zwischen konkreter kulisse und literarischer handlung, dass der text einerseits verankert und erfahrbar wirkt, andererseits aber eine autonome welt beschreibt, die themen, prinzipien und archetypen darstellt. autobiografische momente mögen material liefern, doch sie sind kein hinweis auf die literarische logik, die den text zusammenhält und seine ästhetische wirkung erzeugt.

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Authorpius strassmann